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Wer bestimmt was Wahrheit ist?

Wie politisch
muss Wissenschaft sein?

Wissenschaft muss sich positionieren. Weil sie sonst positioniert wird. 

Anfang August wird Anthony Fauci wegen Missachtung des amerikanischen Kongresses angeklagt. Ein extremes Beispiel, aber Wissenschaft steht nicht nur in den USA unter Druck. Wem gehört die Wahrheit, wenn Expertise zum Feindbild wird?

Joe Biden begründete seine Entscheidung mit „außergewöhnlichen Umständen“. In Zukunft bestehe die Gefahr „politisch motivierter Strafverfolgungen“, er könne daher „nicht guten Gewissens nichts tun.“ Als er den Immunologen Anthony Fauci am 19. Januar 2025 vorbeugend begnadigt, - zusammen mit dem ehemaligen Generalstabschef Mark Milley und der Republikanerin Liz Cheney -, ist das dennoch ungewöhnlich, schließlich hatte der nichts getan, das in irgendeiner Weise kriminell wäre.

Knapp anderthalb Jahre später: Anthony Fauci, inzwischen 85 Jahre alt, erscheint im Dierksen Senate Office Building in Washington. Der Senatsausschuss für innere Sicherheit und Regierungsangelegenheiten hat ihn vorgeladen. Besetzt ist er mit Leuten, die seinen Anwalt „dirtbag“ nennen, ihm vorwerfen, sich mit „Biodefense“ bereichert zu haben und ihm später wünschen werden: "I hope one way or another you answer for your crimes“, was einerseits eine Verurteilung ist, wo es kein Verbrechern gab, und andererseits viel Fantasie erfordert, um darin keinen Aufruf zur Gewalt zu sehen. Wohlgemerkt: Das sind alles amerikanische Senatoren.

Vor dem Ausschuss soll es, wie seit Jahren, um den Ursprung der Pandemie gehen, same old song, ganz was Neues, neverending story.

Der Text des Hits von 1984 beschreibt die Kraft der Fantasie und das Eintauchen in eine magische Welt, in der man in den Wolken sehen kann, was immer man will. Wenn das mal nicht passt. 

Die Republikaner unterstellen Fauci, damals gelogen zu haben, manche werfen ihm sogar vor, an der Pandemie schuld zu sein. Aktueller Aufhänger sind veröffentlichte Tagebucheinträge des ehemaligen Präsidenten-Beraters Fauci. Darin formuliert er einerseits sehr zurückhaltend, wenn es um Covid geht, anderseits eher eitel, wenn er über sich selbst schreibt. So kann man einen Eintrag über eine Veranstaltung mit Supermodel Tyra Banks („sexy, aber manche fanden mich sexier“) zwar lächerlich finden, aber ein Skandal ist das alles nicht. In den nächsten Stunden beruft sich Anthony Fauci dennoch mehr als einhundertmal auf sein Recht, sich nicht selbst belasten zu müssen und weigert sich, Fragen republikanischer Senatoren zum Ursprung der Pandemie und zu Unterlagen der Bundesregierung zu beantworten. Hintergrund: Er befürchtet, dass die Fragen eine Falle für einen potenziellen Meineid sind. Schließlich gilt die Begnadigung nicht für Handlungen nach dem 19. Januar 2025 – etwa also für Äußerungen vor einem Ausschuss.

Wenn wissenschaftliche Expertise zur Projektionsfläche für eine politische Agenda wird: Die republikanischen Senatoren behandeln Anthony Fauci wie einen Kriminellen - und rufen teilweise offen zur Gewalt gegen ihn auf. 

Am 6. August 2026 stimmt der Ausschuss dann dafür, Fauci wegen Missachtung des Kongresses anzuklagen: alle Republikaner sind dafür, alle Demokraten dagegen. Die Angelegenheit wird an das Justizministerium verwiesen, das jetzt darüber entscheiden muss, ob eine strafrechtliche Verfolgung von Fauci angestrebt wird.

Ein Einzelfall? Leider nicht

Man könnte das als Einzelfall abtun, der in einer polarisierten amerikanischen Gesellschaft nun mal stattfinden kann, aber leider zeigt das das Beispiel „Anthony Fauci“ wie wissenschaftliche Expertise zur Projektionsfläche für eine politische Agenda werden kann. Um einen alten Immunologen im Ruhestand geht es dabei aber eher nicht.

Als Repräsentant „der Wissenschaft“ (die es so natürlich genauso wenig gibt, wie „die Gesellschaft“) steht Fauci stellvertretend für das abnehmende Vertrauen in Institutionen. Ziel ist die Delegitimierung unabhängiger Forschung und die Personalisierung von Wissenschaft.

Rechtspopulisten haben immer das Ziel der Delegitimierung, weil Evidenz ihren politischen Deutungen und kulturellen Identitätserzählungen widerspricht. Sie ist auch im Weg, wenn man sich persönlich bereichern will. Wissenschaftsfeindlichkeit trifft allerdings nicht alle Disziplinen gleich und zur Wahrheit gehört auch, dass sie auch von linksradikalen, nationalistischen und religiös-fundamentalistischen Bewegungen ausgehen kann (wobei sich das oft vermischt). Die Gemeinsamkeit ist, dass Erkenntnisse als Fragen von politischer Macht dargestellt werden. Etwa:


  • Welche Forschung ist zulässig?
  • Welche Forschung passt zur politischen Agenda?
  • Welche Erkenntnis ist wahr?
  • Welcher Wissenschaftler darf noch arbeiten oder ist, im Extremfall, lebensgefährlich bedroht?

Bekannte Beispiele von beiden Seiten des politischen Spektrums sind einerseits die Deutsche Physik im Dritten Reich, die argumentierte, dass Wissenschaft rassisch bedingt sei und von einem gemeinsamen Blut ausgehe. Andererseits der Lyssenkoismus in der UdSSR, der behauptete, dass die Eigenschaften von Kulturpflanzen nicht durch Gene, die sind nämlich unsozialistisch, sondern nur durch Umweltbedingungen bestimmt würden. Juden und Genetiker waren in diesen Erzählungen nicht nur die Autoren von Unsinn, sondern auch mit dem Tod bedroht, weil sie durch Forschung absichtlich dem Staat schadeten. Wie gesagt: Extremfälle. Um das klar zu sagen: Eine Anhörung ist keine politische Verfolgung per se. Wir leben auch nicht unter Stalin oder Hitler.

Was aber eine Linie ins Heute ist: Wenn Wissenschaft politisiert wird, verschiebt sich der Fokus weg von der Frage, wie Institutionen in einer unbekannten Lage handeln; etwa welche Lehren für künftige Pandemien nötig sind. Stattdessen steht dann im Mittelpunkt, wer als individueller Schuldiger markiert werden kann, wenn das Ergebnis der Forschung politisch nicht gefällt. Wissenschaft ist so keine abwägende Risikobewertung mehr, wie sie es in Krisen sein sollte, sondern eine Frage von Loyalität.

Wissenschaft ist immer politisch. "Sozialistische Wissenschaft" hat Sputnik trotzdem nicht ins All gebracht.

Die Anhörung von Anthony Fauci beweist, dass wir bereits in einer Zeit sind, in dem Institute nach ideologischer Nützlichkeit sortiert werden. Daraus ergibt sich dann nicht nur die Frage der Finanzierung, -wichtig genug für die Forschung-, sondern die nach der Kontrolle über das Wissen. Obwohl ein Virus nicht progressiv oder konservativ sein kann, kann es der Kontext durchaus. Wissenschaft wird so politisch beherrschbar.

Das bedeutet natürlich nicht, dass Entscheidungen, die in der Pandemie getroffen wurden, nicht überprüft werden dürfen. Auch Wissenschaft macht Fehler. Aber Wissenschaftsfeindlichkeit darf nicht mit Kritik an Wissenschaft verwechselt werden. Während letztere nach Daten fragt oder alternativen Hypothesen, Interessenkonflikte sucht und Methoden kritisiert, entzieht Wissenschaftsfeindlichkeit Institutionen oder Personen die Legitimation. Wissenschaftler erscheinen dann nicht mehr als fehlbare Fachleute, sondern als korruptes Kartell, das sich am Leid der anderen bereichern will. Als Feinde des Volkes.

Kopf in den Sand stecken hilft nicht

Der globale Trend geht seit Jahren in diese Richtung. Das kann man leugnen, das muss und sollte einem nicht gefallen, man kann sich auch wegducken und so tun, als würde einen das in seiner Disziplin nicht betreffen, aber: aus Budgetkürzungen, Verleumdungen, Entlassungen, Abwertungen und physischen und psychischen Angriffen ist mittlerweile ein Muster entstanden. Der Academic Freedom Index verzeichnet zwischen 2015 und 2025 signifikante Rückgänge akademischer Freiheit in 50 von 179 untersuchten Ländern und Territorien. Darunter sind die üblichen Verdächtigen, Russen, Chinesen, die Türkei, bisher unauffällige wie Indien, aber eben auch die USA und Deutschland. Die Untersuchung bezieht sich nicht nur auf Institutionen wie Universitäten, sondern auch auf die individuelle Wirkung des gesellschaftlichen Klimas. So geht etwa auch die Freiheit des akademischen Austauschs zwischen Personen in 47 Ländern zurück. In den USA ist die Grafik dabei nicht langsam rückläufig, wie bei den meisten anderen Ländern, sondern sieht aus wie jemand, der sich von einem Hausdach stürzt: es geht steil und schnell nach unten.

Wenn aber die individuelle Freiheit durch Verleumdung oder gar physische Angriffe bedroht ist, bedeutet das schlicht, dass sich weniger Leute engagieren. Belegt ist, dass der Preis der Sichtbarkeit steigt: die Aufmerksamkeit des Publikums geht von der Botschaft auf denjenigen, der sie verkündet und von dort zu der Bewertung seiner persönlichen Eigenschaften. Die meisten werden sich erinnern, dass die Debatte über die Zähne von Karl Lauterbach mindestens so laut war, wie die Diskussion über seine Corona-Vorschläge. Und es geht noch schlimmer: Die österreichische Ärztin Lisa-Maria Kellermayr begeht Ende Juli 2022 Suizid, sie ist gerade mal 36 Jahr alt. Über Monate hatte sie massive und äußerst detailliert Morddrohungen bekommen, man wolle sie „schlachten“, sowas in der Art - weil sie sich für Impfungen und Corona-Schutzmaßnahmen eingesetzt hatte und damit zur Zielscheibe von Impfgegnern und Verschwörungsidioten geworden ist.

Und natürlich kann das bei Forschenden zur Selbstzensur führen, völlig verständlich. Dann werden Interviews oder klare Formulierungen gemieden, gesellschaftlich relevante Erkenntnisse werden nur noch auf Fachtagungen diskutiert, die Sprache wird umständlich, statt Einzelpersonen sprechen nur noch Pressestellen. Die Angreifer sind, -soweit bekannt-, in der Regel Männer, was bedeutet, dass Frauen (und Leute mit Migrationshintergrund) häufiger und heftiger zur Zielscheibe werden.

Fast überall in der westlichen Welt wird das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik momentan neu justiert. Man könnte auch sagen: Fast überall werden Abrucharbeiten durchgeführt. 

Dazu kommt ein institutionelles Problem. In einem gesellschaftlich aufgeheiztem Klima oder unter eine Regierung, die jederzeit Finanzmittel streichen kann, wird sich eine Universität, eine Behörde, eine Forschungseinrichtung immer fragen, ob sie ein kontroverses Thema finanziert, dass möglicherweise dazu führt, dass sie im folgenden Jahr kein Geld mehr bekommt. Vielleicht wird sie sich sogar fragen, ob sie einen ihrer Forschenden schützt, der/ die im öffentlichen Feuer steht.

Dass das für Wissenschaft nicht gut ist, steht außer Frage, für Krisenprävention ist es allerdings fatal: Vorsorge benötigt die Benennung von Risiken. Wer etwa bei Pandemievorbereitung nicht über Desinformation, Lieferkettenprobleme oder potenzielle Schulschließungen reden kann, wird sich auf eine Krise niemals gut vorbereiten können. Wer erst spricht, wenn jede Unsicherheit beseitigt ist, spricht in der Regel überhaupt nicht. Wissenschaft wird dadurch irrelevant. Was ja das Ziel der Angriffe ist.

Muss Wissenschaft politisch sein?

Das führt zu einer Reihe von Fragen. Zuerst: Wie politisch muss Wissenschaft sein? Dann: Sollte man sich verzwergen, um zu überleben? Kann man die Situation einfach aussitzen?  Wer bestimmt, was die Wahrheit ist? Und schließlich: Schuldet Wissenschaft der Demokratie nicht vielleicht Engagement?

Das ist alles nicht nebensächlich, im Gegenteil. Wo wissenschaftliche Freiheit (ver)schwindet, verliert die Demokratie selbst – wenn Loyalität wichtiger ist als Methode, ist es nicht mehr möglich aus Erfahrung zu lernen.

Um konkret in unserem Fall zu bleiben, bei der Pandemiepolitik: Daten sind die Voraussetzungen dafür Modelle zu erstellen. Modelle können zeigen, was auf Grundlage der Daten womöglich passiert. Modelle können auch zeigen, was passieren könnte, wenn sie durch andere Modelle ersetzt werden würden. Kein einziges Modell kann aber entscheiden, wie eine Gesellschaft Freiheitseinschränkungen, Bildungsausfälle, soziale Isolation, wirtschaftliche Schäden und den Schutz vulnerabler Gruppen gegeneinander gewichtet. Das ist Politik. Wissenschaft kann Entscheidungen nicht ersetzen – aber Wissenschaftler können natürlich eine Meinung haben. Basierend auf ihrer Forschung, ihren Vorlieben, ihrem persönlichen Umfeld und ihrer Sozialisation. Wie alle anderen Leute eben auch. Wissenschaft ist daher weder völlig unpolitisch, noch sind Wissenschaftler bessere Politiker.

Das Wissenschaftsfreiheit bedroht ist: Dass ist auch in der Wissenschaft mitunter ein Thema. Oft genug allerdings leider nicht. 

Wissenschaft kann nicht unpolitisch sein. Sie kann nicht außerhalb der Gesellschaft stehen. Der einzige Grund für die großzügige Förderung der amerikanischen Universitäten nach dem Zweiten Weltkrieg war die Sowjetunion. Es ging nicht um die Liebe zum Fortschritt, es ging um Geopolitik. Dabei wurden nicht nur technische Studiengänge gefördert, sondern auch Sozialwissenschaftliche. Aber eben deswegen, weil die US- Gesellschaft den Gegner verstehen wollte – um ihn dann zu besiegen. Und das ist nur ein Beispiel. Wer denkt, dass Daten unabhängig sind, dass Fakten unbestechlich sind, der übersieht, dass sie immer interpretiert werden. Gesellschaften entscheiden darüber, in welche Felder sie Geld investieren. Ob Geld fließt, -sei es in militärische KI, in Impfstoffentwicklung, in die Untersuchung von Gleichberechtigung oder in Klimafolgenanpassung-, ist niemals eine wissenschaftliche Entscheidung, aber immer eine politische.

Die Gefahr von politischer Vereinnahmung besteht immer. Gleichzeitig ist aber auch Schweigen explizit politisch - gerade dann, wenn eine Krise existenziell wird. Expertise ist einerseits ein Beitrag zur demokratischen Urteilsbildung, andererseits werden und wurden bei manchen Forschenden hin und wieder auch die Grenzen der Fachkompetenz deutlich, was dem Vertrauen in der Bevölkerung schadet.

"Mehr Mut": Der Appell reicht nicht

Aber es gibt keinen Grund sich klein zu machen: Wissenschaft hat noch nie ohne Mut funktioniert. Sich seiner Unwissenheit zu stellen, Forschung zu betreiben und sie zu verteidigen, bereit sein Ideen nachzuspüren, die vielleicht ins Leere laufen oder ignoriert werden: das erfordert Courage. Weil Wissenschaft aber nie losgelöst von der Gesellschaft funktioniert, könnte es sein, dass für sie das Gleiche gilt, wie für den Rest: Wir können uns nicht mehr vorstellen, dass Dinge nicht selbstverständlich sind, dass Standards sich verändern können, dass Demokratie auch verschwinden kann. Dass alles gut ausgeht, das ist eben nicht selbstverständlich.

Und so ist es auch nicht selbstverständlich, dass Forschende in der Öffentlichkeit sichtbar sind – zumal sie damit im wissenschaftlichen System selbst nichts gewinnen können. Nicht einzelne Forscher sollen in den Mittelpunkt, wenn sie mutig genug sind, sondern Mut muss institutionell organisiert werden: durch Rechtsschutz, Sicherheitskonzepte, klare Kommunikationsstandards, Solidarität von Fachgesellschaften und Institutionen, die mehr sind als Worthülsen.

„Mehr Mut“ als Appell reicht eben nicht, wenn die Strukturen die Mutigen nicht schützen. Wissenschaftlerinnen müssen aber nicht zu politischen Aktivisten werden - schließlich sind das getrennte Felder und sollen es auch bleiben. Aber Wissenschaftler (und Wissenschaftskommunikatoren) müssen die Bedingungen verteidigen, unter denen Wissenschaft überhaupt arbeiten kann: methodische Offenheit, Revisionsfähigkeit, Kritik, Schutz vor Einschüchterung und die Freiheit, auch unbequeme Risiken zu benennen.

Mehr Mut erfordert Courage. Vor allem aber Institutionen, die die Mutigen unterstützen. 

Deswegen ist es auch keine Lösung, sich in das Silo seines Fachgebiets zurückzuziehen und darauf zu hoffen, dass der Sturm vorüberzieht. Natürlich können einzelne Forschende entscheiden, welche persönlichen Risiken sie tragen können und wollen. Niemand schuldet der Öffentlichkeit sich zur Zielscheibe zu machen. Keiner muss allein die Demokratie retten. Aber Wissenschaft als gesamtes System kann Wissenschaftsfeindlichkeit nicht aussitzen. Sie muss sich positionieren.

Denn wenn sie das nicht tut, bleibt keine Lehrstelle zurück. Raum wird immer gefüllt, dann eben nur von den anderen. Dann wird Komplexität durch Vereinfachung ersetzt, Unsicherheit durch Gewissheit, Evidenz durch Erzählung, Kritik durch Loyalität. Dann wird personalisiert. Dann werden Schuldige gesucht. Aussitzen ist keine neutrale Strategie.

Aussitzen ist keine neutrale Strategie

Man muss das vielleicht einmal deutlich sagen: Wissenschaft beansprucht nicht Unfehlbarkeit. Sie beansprucht eine bessere Methode, mit Fehlbarkeit umzugehen, indem sie Verfahren bereitstellt, mit denen Ergebnisse überprüfbar und kritisierbar, reproduzierbar und, wenn nötig, korrigierbar werden. Wenn immer mal wieder von ganz rechts als auch von ganz links die Forderung kommt, dass Wissenschaft Politik ersetzen könne, dann ist das nur Polemik. Abgesehen davon, dass das nicht demokratisch wäre: Wissenschaft muss keinen Interessenausgleich suchen, sie muss nicht mit Zielkonflikten hantieren und mit Abwägungen hat sie auch nichts zu tun. Sie ist aber eben auch nicht nur eine Stimme unter vielen gleichberechtigten Meinungen. Das ist genauso falsch.

Wissenschaft ist genau wie unabhängige Medien, Gerichte, Verwaltung und Zivilgesellschaft Teil der Demokratie. Insofern trägt sie, tragen die einzelnen Teile in ihr (die Wissenschaftler), Verantwortung. Wissenschaftlicher Mut bedeutet, dass man transparent über Unsicherheit sprechen, Evidenz gegen politischen Druck verteidigen, Grenzen der eigenen Expertise markieren muss. Dazu braucht es Wissenschaftsfreiheit und unabhängige Daten, vor allem eine robuste öffentliche Infrastruktur, die den Schutz für Forschende als Teil gesellschaftlicher Resilienz versteht. Wissenschaftsfreiheit muss dann möglicherweise genauso behandelt werden wie eine Sicherheitsfrage.

Wer Forschende einschüchtert, greift nicht nur einzelne Personen an, sondern die Fähigkeit einer Gesellschaft sich auf Risiken vorzubereiten. Wenn am Ende die lauteste Stimme gewinnt und nicht diejenige, die am besten begründet, dann ist das ein anderes Land.

Soweit sollte es nicht kommen.

Philipp Kohlhöfer
Philipp Kohlhöfer
Philipp Kohlhöfer leitet die Kommunikation des Leibniz Labs und ist Autor des Bestsellers „Pandemien“.
Veröffentlicht
07. September 2026
Kategorie
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