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Im Interview

Schule ist mehr als Unterricht

Gemeinsam arbeiten wir daran, dass es so bleibt – selbst in Krisenzeiten.

Schulleiterin Nicole Boutez weiß, dass eine Pandemie nie völlig kontrollierbar sei. Nichtsdestotrotz setzt sie sich dafür ein, Schulen sicherer zu gestalten.

Die Pandemie hat gezeigt, wie verletzlich Schulen in Krisenzeiten sind. Für Nicole Boutez, Schulleiterin der Ida Ehre Schule ist klar: Bildung macht Schüler*innen handlungskompetent und resilient – Schule ist mehr als nur ein Ort, an dem Unterricht stattfindet.

Als Schulleiterin verkörpere ich Schule, Bildungspläne, den Staat, Zensuren und mit den Zensuren möglicherweise auch gesellschaftliche Erfolge und Verdienste. Aber im Kern ist meine eigene Aufgabe letztendlich, junge Menschen zu stärken, sich in einer Gesellschaft stark zu machen, sich zu behaupten und Verantwortung zu übernehmen.

Frau Boutez, wenn Sie auf die Pandemie zurückblicken: Wo lagen die größten Herausforderungen für Schulen?

Eigentlich gab es effektiv keinen Schulbetrieb. Das klingt zunächst hart, aber für mich bedeutet ein Schulbetrieb vor allem, dass Menschen gemeinsam vor Ort sind. Als alle zu Hause waren, blieb zwar Unterricht übrig – aber Schule eben nicht. Unterricht wurde auf die Vermittlung von Wissen reduziert. Was fehlte, war das, was Schule eigentlich ausmacht: der unmittelbare Austausch. Kommunikation lebt davon, ständig wahrzunehmen, wie das Gegenüber reagiert. Gerade Schülerinnen und Schüler orientieren sich daran, wie sie auf andere wirken, welches Feedback sie bekommen und wie sie sich in einer Gemeinschaft erleben.

Faktisch hatten wir Unterricht, aber Schule ist eben mehr als das.

Inwiefern spielte Pandemieprävention vor der Pandemie eine Rolle bei Ihnen an der Schule?

Ehrlich gesagt: praktisch keine. Selbst grundlegende Hygienefragen waren eher theoretisches Wissen. Natürlich sprach man darüber, warum man Hände wäscht oder wie sich Krankheiten übertragen – das gehört ja auch zum Grundwissen. Aber wir haben in einer Welt ohne Befürchtungen gelebt. Auch als die ersten Bilder aus China kamen, wurden sie eher mit Distanz betrachtet. Dass uns etwas Vergleichbares treffen könnte, schien kaum vorstellbar. Uns kann das nicht passieren. Wir sind fortschrittlich. Deswegen fand keine Prävention statt. Vielleicht ein wenig, weil das Thema Viren, Ansteckung und Gesundheit immer in ganz kleinen Fragmenten im Unterricht auftaucht. Aber dass es eine so große gesellschaftliche Bedeutung haben könnte? Gar nicht.

Hat die Pandemie die Schule dauerhaft verändert?

Sie hat Menschen verändert – zumindest eine Zeit lang. Gerade verabschiede ich Schüler*innen, die wir damals unter außergewöhnlichen Bedingungen eingeschult haben – nicht so, wie man Kinder normalerweise einschult: ohne gemeinsames Ankommen im Klassenraum, sondern mit Sicherheitsabstand draußen. Das hatte bestimmt eine Wirkung. Und trotzdem habe ich den Eindruck, dass die Pandemie an der Oberfläche in Vergessenheit geraten ist. Ich weiß nicht, ob die Menschen etwas gelernt haben. Ehrlicherweise muss man ja auch fragen, was sie hätten lernen sollen. Es erscheint mir manches Mal, dass am besten aus dieser Zeit gerettet wurde, dass sich Menschen gegenseitig diffamieren, dass Sprache sehr gewaltbereit geworden ist und sämtliche Schattierungen von Grau vergessen wurden. Das bedaure ich sehr. Wieder gemeinschaftliche, ehrenwerte Ziele zu verfolgen wünsche ich mir. Beispielsweise die Akzeptanz dafür, Schwächere zu schützen und kompetent zu machen. Außerdem hat die Pandemie gezeigt, dass wir ein Bewusstsein in der Bevölkerung schaffen sollten, dass Wissenschaft nicht die Kunst statischer und immer gültiger Antworten ist, sondern die Bereitschaft zum Erkenntnisgewinn.

Und wie geht es jetzt weiter für Schulen in einer Zeit, in der Krisen immer wieder auftreten?

Für mich als Schulleiterin geht es vor allem darum, junge Menschen stark zu machen. Ein Begriff, der dabei oft verwendet wird, ist Selbstwirksamkeit. Gemeint ist das Vertrauen, selbst etwas bewirken zu können. Kinder und Jugendliche sollten erleben, dass sie nicht nur auf gesellschaftliche Entwicklungen reagieren, sondern selbst Teil davon sind und Veränderungen mitgestalten können. Und ich stelle fest, dass ich das nicht in einen leeren Raum tue, sondern Menschen anstoße, intellektuell etwas bewege und Gesellschaft verändern kann. So ist unsere Aufgabe als Schule, den Kindern deutlich zu machen, was sie sind: Subjekte statt Objekte. Weiterhin verändern sich Bildungssysteme nur langsam. Aber wir sollten aus vergangenen Erfahrungen lernen – zurückzuschauen. Aber nur ab und zu, um sich zu vergewissern, dass wir weiter vorwärtsfahren.

Die Ida Ehre Schule reagiert in der Pandemie.

Mit hohem administrativem Aufwand konnte der Schulbetrieb trotz hoher Inzidenzen erhalten bleiben.

Wer trägt die Verantwortung dafür? Wer sollte Schulen krisenfester machen?

Die einfache Antwort: die Politik. Und jetzt die große Frage: Was ist denn die Politik? Und wenn man jetzt sagt „die Politik ist der Staat“, dann sind damit ganz viele verschiedene vernetzte Akteure gemeint. Kein Akteur und keine Institution können eine Krise allein bewältigen. Daher ist eine Partnerschaft mit dem Leibniz Lab so essenziell. Eine Pandemie – wie jede Krise – ist kein singuläres, sondern ein vernetztes Phänomen. Entsprechend müssen auch ihre Lösungen vernetzt entstehen. Und deswegen können wir nur etwas bewirken, wenn wir zusammenarbeiten.

Nicole Boutez (mitte) mit Prof. Dr. Gülşah Gabriel (links) und Dr. Simone Harder (rechts) im Leibniz-Instituts für Virologie. Allen ist klar: Pandemieresiliente Bildung ist keine leichte Aufgabe. Aber gemeinsam ist es möglich.

Das Netzwerk ist groß.

Im Oktober findet die Fachtagung One Health Curricula – Pandemieresilienz durch naturwissenschaftliche Bildung statt. Mit allen: Schüler*innen, Lehrkräfte, Schulleitungen, Politiker*innen, Referenten der Landesinstitute und Wissenschaftler*innen.

Sie hatten das Leibniz Lab erwähnt. Was erhoffen Sie sich aus der Kooperation mit dem Lab?

Die Zusammenarbeit mit dem Lab könnte ein Hebel sein, um Schülerinnen und Schülern den Zugang zu den Naturwissenschaften zu erleichtern, sodass sie sich als Teil der Natur sehen, in der sie etwas bewirken können – und wenn sie die Natur wissenschaftlich betrachten, dann einen anderen Umgang damit finden. Gerade diese Begegnungen können dazu beitragen, Selbstvertrauen zu stärken – insbesondere bei Schülerinnen, die hohe naturwissenschaftliche Kompetenzen zeigen, sich diese aber selbst nicht zutrauen. Ich stelle mir die Zusammenarbeit als eine begrünte Brücke über der Autobahn vor. Wie Wild, können Schülerinnen und Schüler die Seiten wechseln – ohne dass was passiert und ohne dass sie das bemerken. Also ich gehe von einer Seite zur anderen. Wir unterscheiden uns ja gar nicht. Das Interesse an der Welt ist dasselbe wie im Leibniz Lab: zu gucken, zu forschen, zu sehen, was kann ich bewirken?

Wie wir diesen Zugang gemeinsam mit Nicole Boutez und ihrer Schule schaffen, zeigen wir in unserem Film Leibniz macht Schule.

Hätten Sie Vorschläge dafür, was es noch braucht, um Schulen pandemieresilient zu machen?

Beispielsweise Checklisten und Ablaufpläne für einen pandemiefreien Alltag. Neben so etwas wie standardisierten, verlässlichen und wissenschaftlich fundierten Hygienemaßnahmen, beispielsweise auch Checklisten, für die erste Kenntnisnahme eines Auftretens einer möglichen Pandemie. Hier profitieren Schulen besonders von der Zusammenarbeit mit Initiativen wie dem Lab und seinem Netzwerk. Schulen haben gute Voraussetzungen dafür, wenn sie ihren Krisenordner pflegen. In so einem Krisenordner sollten auch Ansprechpartner und ihre Rollen aufgelistet werden. Beispielsweise wären Lotsen sinnvoll – am besten aus den drei Gremien heraus: Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler und Eltern. Diese sammeln auch Sorgen und Nöte. Entscheidend ist hierbei, dass der Kreis der Zuständigen nicht zu groß wird, um eine Verantwortungsdiffusion zu vermeiden. Außerdem ein verlässliches Kommunikationsmedium – am besten eignet sich dafür die Homepage der jeweiligen Schule. Hierüber sollte gebündelt kommuniziert werden. Weiterhin die Schülerinnen und Schüler zu medienkompetenten und kritikfähigen Menschen erziehen.

Wer dem Rattenfänger hinterherläuft, ist für sachliche Argumente oft nur noch schwer erreichbar.

Grob gesagt sind es drei Säulen: Die erste Säule, die in einem echten Krisenfall ein Netzwerk kompetenter Akteure in die Startlöcher stellen kann. Die zweite Säule, die eine emotionale Ansprechbarkeit aus den drei Gremien ermöglicht. Die dritte Säule, die junge Menschen kompetent und verantwortungsbereit macht.
Axel Langner

Axel Langner ist Kommunikator am Leibniz Lab und hat einen Hintergrund in den Life Sciences und der Bildungsforschung.

Veröffentlicht
31. August 2026
Kategorie
Stories
Social

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