Vorsorgen statt Reagieren
Was der OECD-Bericht „Beyond Lockdowns" für das Leibniz Lab Pandemic Preparedness bedeutet
Die Wahrscheinlichkeit für eine neue Pandemie? Laut OECD liegt sie in den nächsten 25 Jahren bei fünfzig Prozent.
Fünf mögliche Ausbruchszenarien haben die Experten der OECD für die nächste Pandemie simuliert. Alle beschreiben mehr oder weniger das Ende des Landes, wie wir es kennen. Einerseits. Andererseits: So muss es nicht kommen.
Von James Carville, 1992 Wahlkampfberater von Bill Clinton, stammt der seither immer wieder zitierte und immer wieder richtige Satz: „Its the economy, stupid“. Geht um die Wirtschaft, den Wohlstand der Menschen, alles andere ist nicht so wichtig. Seither gilt der Satz als universelle Weisheit nicht nur in der Politik.
Seit Mitte September müsste also völlig unstrittig sein, dass es das Leibniz Lab Pandemic Preparedness braucht. Weil es, um das Lieblingswort eines anderen US- Präsidenten zu zitieren, ein guter „Deal“ ist. Der Hintergrund: Vor wenigen Wochen veröffentlichte die OECD ein 363 Seiten starkes Dokument mit dem Titel „The Economic Case for Pandemic Preparedness and Response: Beyond Lockdowns“. Es liefert die bislang umfassendste ökonomische Begründung, warum es sinnvoll ist, in Pandemievorsorge zu investieren. Die Veröffentlichung ist eigentlich eine Dystopie, in Zahlen verpackt: Millionen Tote, wirtschaftliche Schäden, ein implodiertes Gesundheitssystem.
Das Dokument nennt zwar keinen konkreten Dollar-/ Eurobetrag, modelliert aber die Kosten als Rückgang des Bruttoinlandsprodukts während der ersten neun Monate eines Ausbruchs. Dabei simulieren die Experten der OECD fünf verschieden Szenarien, von einem coronaartigen Virus über Ebola bis hin zu Masern-ähnlichen Erregern. Ihre Annahme: die Gesellschaften sind nicht vorbereitet, man macht Business as usual, es werden keine Gegenmaßnahmen ergriffen, Medikamente oder Impfstoffe sind nicht verfügbar.
Je nach Erregertyp könnte das Bruttoinlandsprodukt in den fünfzig untersuchten OECD-, EU/EWR- und G20-Ländern durchschnittlich um knapp drei bis knapp sechzehn Prozent sinken. Corona war/ wäre dabei noch die bestmögliche Variante. Sollte sich etwas ähnliches wie Influenza oder gar ein Masern-ähnliches Virus zu einer Pandemie entwickeln, würde das nicht nur für dutzende Millionen Tote sorgen, sondern die Wirtschaftsleistung rapide einbrechen lassen.
Corona? Die bestmögliche Variante
Um konkret zu werden: Überträgt man die OECD-Szenarien auf Deutschlands nominales BIP von rund 4,53 Billionen Euro im Jahr 2025, entspräche der modellierte Produktionsverlust je nach Erreger ungefähr 122 bis 734 Milliarden Euro - innerhalb der ersten neun Monate. Der deutsche Bundeshaushalt beträgt, zum Vergleich, 525, 5 Milliarden Euro. Würde zum Beispiel etwas Ähnliches wie Ebola eine Pandemie werden (bei Ebola selbst eher unwahrscheinlich), betrüge die entgangene gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung rund 154 Milliarden Euro – also etwas weniger als ein Drittel des Bundeshaushalts.
Dass das keine Gedankenspielerei ist, hat nicht zuletzt COVID bewiesen. Kurzer Rückblick: Zwischen 2020 und Mai 2023, dem Zeitraum, denn der OECD-Bericht beleuchtet, forderte die Pandemie weltweit rund sieben Millionen offiziell gemeldete Todesopfer, bei 765 Millionen registrierten Fällen. Zum Verlust von Leben kommt der Verlust von Wohlstand. Im Jahr des Ausbruchs, 2020, schrumpfte das globale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf um fast vier Prozent gegenüber dem Vorjahr – ein Einbruch, der mit der globalen Finanzkrise von 2008 vergleichbar ist. In der ökonomischen Gesamtrechnung summieren sich die Verluste zwischen 2020 und 2024 auf etwa 13,8 Billionen US-Dollar. Diese Zahl ist so absurd hoch, dass sie eigentlich unvorstellbar ist.
Aber das ist nicht alles, sondern nur der Anfang. Die OECD beschreibt in dem Dokument die pandemiebedingte Verschiebungen und Erhöhung diverser Risikofaktoren. Das Selbstbild ist: In einer Pandemie lernen die Menschen eine neue Sprache oder ein Instrument, lesen Goethe und arbeiten sich durch Filmklassiker. Kennt man ja, hat man so aber auch nicht gemacht. In Wahrheit stieg sowohl der Tabak- als auch der Alkoholkonsum. Menschen bewegten sich weniger und aßen mehr und das führte dazu, dass Adipositas in der Bevölkerung zunahm. Auf die Bevölkerung umgerechnet 0,34 Kilogramm pro Person, aber weil das eben nicht alle gemacht haben, wurden diejenigen, die wirklich zunahmen, rund fünfeinhalb Kilo schwerer. Um eine persönliche Note in diesen Text zu bringen: Ich habe die Werte noch getoppt und durch ständigen Weinkonsum zehn Kilo zugenommen. Eine neue Sprache habe ich nicht gelernt (Gewicht ist wieder weg, Danke fürs besorgte Gesicht, aber statistisch werde ich jetzt vermutlich zwei Jahre eher sterben, habe dafür aber ganz bestimmt Arbeitsplätze in rheinhessischen Weinanbaugebieten gerettet).
Pandemien enden nicht am Ende
In Deutschland ist die Lebenserwartung in dieser Zeit um vier Monate gesunken, im Schnitt der OECD-Länder um 2,4 Monate. Insgesamt sind die Risikofaktoren noch nicht auf das Vorkrisenniveau zurückgekehrt. Sollte sich das nicht bald ändern, könnte die Lebenserwartung bis 2050 noch 1,9 Monate niedriger liegen. Das führt dann zu höheren Gesundheitsausgaben (plus jährlich 0,6 Prozent) und einem geminderten Bruttoinlandsprodukt (minus jährlich 0,2 Prozent). Die Erkenntnis ist also: Pandemien enden nicht mit ihrem Ende. Sie prägen Gesundheit und Wohlstand von Nationen über Jahrzehnte. Und um das nochmal zu erwähnen: Wir reden hier von einem Szenario, das gar nicht so schlimm war. Es gibt üblere Erreger und weitaus schlimmere Möglichkeiten. Worauf auf die OECD hinweist.
Deswegen sollten wir einmal durchspielen, was passiert, wenn wir uns NICHT vorbereiten. Sollte eine neue Pandemie auftreten, ginge nicht nur Wertschöpfung verloren. Die Einnahmen gehen zurück, während die Ausgaben steigen. Das war schließlich beim letzten Mal auch so.
Kostentreiber: Neben den menschlichen Verlusten bewertet die OECD auch die Kosten der Intensivmedizin.
Bei den von der OECD simulierten Ausbrüchen würden innerhalb der ersten neun Monate zwischen einem Prozent der Bevölkerung in einem Coronavirus-artigen und mehr als fünf Prozent in einem Influenza-A-artigen Szenario sterben. Die Intensivkapazitäten der OECD-Länder wären im Durchschnitt bereits binnen ein bis zwei Monaten erschöpft. Gleichzeitig geraten die Volkswirtschaften in eine Abwärtsspirale: Weniger Einkommen- und Lohnsteuer durch Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit und Arbeitsausfälle. Weniger Unternehmens- und Gewerbesteuern durch Gewinneinbrüche und Insolvenzen. Weniger Mehrwertsteuer durch sinkenden privaten Konsum. Weniger Sozialbeiträge wegen steigender Arbeitslosigkeit. Das gilt dann sowohl für den Bundeshaushalt als auch für die Kommunen. Würden die Steuereinnahmen proportional zum BIP zurückgehen, ergäben sich Mindereinnahmen von etwa 28 Milliarden Euro bei 2,7 Prozent Rückgang (dem mildesten Szenario) und 167 Milliarden Euro bei 16,2 Prozent – was in etwa das Doppelte des Verteidigungsetats ist.
Gleichzeitig würden die Ausgaben natürlich wachsen müssen. Für Krankenhaus-, Intensiv- und Notfallversorgung. Für Impfstoff-, Arzneimittel- und Schutzausrüstungsbeschaffung. Für Krankengeld, Arbeitslosengeld und gegebenenfalls Kurzarbeitergeld. Für Unternehmenshilfen, Kreditgarantien und Liquiditätsprogramme. Für die Unterstützung für Kommunen und soziale Einrichtungen. Dazu Kosten für Surveillance, Testsysteme, Gesundheitsämter und Krisenkommunikation.
Für die Bewältigung der Corona-Pandemie hat der Bund zwischen 2020 und 2023 insgesamt rund 440 Milliarden Euro an zusätzlichen Ausgaben verzeichnet. Das waren allerdings ausschließlich Mittel des Bundes. Dazu kamen Hilfen der einzelnen Bundesländer, von Kommunen und staatliche Kreditgarantien. Fast man alle Ausgaben zusammen kommt man auf rund 1,3 Billionen Euro.
2025 lagen die gesamten Steuereinahmen von Bund, Ländern und Gemeinden bei knapp 990 Milliarden Euro. Der Bund alleine nahm 388 Milliarden Euro ein. Muss man nicht studiert haben, um sich ausrechnen zu können, dass das ein Minusgeschäft ist.
Eine schlimmere Pandemie als die letzte, treibt das Land vermutlich in den (wirtschaftlichen) Untergang. Das klingt drastisch, kann man aber in der Deutlichkeit ruhig mal so formulieren, weil das sowohl die Erfahrungswerte als auch die Hochrechnungen der Szenarien im OECD-Bericht nahelegen.
Deutschland wäre wegen seiner exportorientierten Industrie und seiner Einbindung in internationale Lieferketten ökonomisch dabei besonders anfällig. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass es in einem solchen Fall zu sozialen Unruhen kommen wird. Zu denen wird es aber auch kommen, falls der Bund in einer Pandemie nicht unterstützt - weil dann vermutlich reihenweise Insolvenzen die Folge sein werden. Plus: Die Belastung wäre ungleich verteilt, auch das hatten wir schon und das hat schon bei COVID nicht zu einer Verbesserung der gesamtgesellschaftlichen Laune beigetragen. Von psychische Belastungen, Einsamkeit und Erschöpfung, von Bildungs- und Entwicklungsverluste bei Kindern, falls Schulen wieder geschlossen würden und Vertrauensverlusten bei widersprüchlicher Kommunikation reden wir da noch gar nicht. Und die langfristigen menschlichen und ökonomischen Verluste durch ME/CFS hat da auch noch keiner erwähnt. Die OECD-Studie geht von 15 Prozent der dann Erkrankten aus. In einem Satz: Ist eine Gesellschaft unvorbereitet gibt es die Wahl zwischen schlechten Optionen und schlechten Optionen.
Unvorbereitet gibt es die Wahl zwischen "schlecht" und "schlecht"
Aber man kann ja vorsorgen. Im Verhältnis ist das, wie immer, viel billiger. Die OECD geht davon aus, dass Pandemievorsorge in den OECD-Ländern rund 7,1 Milliarden Dollar pro Jahr kostet (in der EU 2,6 Milliarden). Das klingt nach viel Geld, sind aber pro Kopf knapp 5,90 Dollar, beziehungsweise 5,20 Euro in der EU. Wenige Dollar/ Euro pro Kopf in der Vorsorge stehen damit zweistelligen BIP-Prozentverlusten gegenüber – eine Rechnung, die kaum eindeutiger ausfallen könnte. Der finanzielle Gesamtrahmen wirkt angesichts der drohenden Verluste daher eher bescheiden, zumal die Investitionen nicht nur im Fall einer Pandemie helfen, sondern Dual-Use-fähig sind und, zumindest teilweise, auch die reguläre Gesundheitsversorgung verbessern.
Zu den Vorsorgemaßnahmen gehört der Aufbau und die Instandhaltung nationaler Vorräte an persönlicher Schutzausrüstung und Hygieneartikeln. Dass das sinnvoll ist, sollte man spätestens seit der hektischen deutschen Maskenaufkaufaktionen bei COVID mitbekommen haben. Dazu gehört auch die Stärkung von Überwachungskapazitäten, etwa durch Labore und Abwasseranalysen, der Aufbau öffentlichen Vertrauens durch Kommunikation und die Erarbeitung von Leitfäden, wie Gesellschaften in einer neuen Pandemie reagieren könnten.
Wenn Untätigkeit ganze Volkswirtschaften in den Abgrund stürzt, dann ist ein Ort an dem Vorsorge wissenschaftlich fundiert vorbereitet, interdisziplinär entwickelt und gesellschaftlich vermittelt wird, kein Luxus, sondern eine Investition mit außergewöhnlicher Rendite.
Das Lab kann auch in Zukunft der Ort sein, an dem Vorsorge erdacht und Vorschläge für die Umsetzung gemacht werden. Gerade weil die Nebenwirkungen einer Pandemie auf psychische Gesundheit und Bildung schwer messbar sind, müssen sie mitgedacht werden. Das Dokument der OECD plädiert daher für eine mehrjährige Finanzierung entsprechender Initiativen. Grundlegender Bedarf besteht. Die Experten der OECD schätzen die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Pandemie in den nächsten 25 Jahren auf etwa fünfzig Prozent.
Der politische, gesellschaftliche und medizinische Schwenk weg von Reaktion hin zu Aktion, weg vom Reagieren hin zum Vorsorgen bedeutet, dauerhaft in Fundamente zu investieren, statt in einer Krise improvisiert und teuer Kapazitäten aufzubauen. Nun kann die OECD zwar vorschlagen und Dokumente veröffentlichen, legislative Macht hat sie allerdings nicht. Die Umsetzung muss in und zwischen den einzelnen Staaten organisiert werden - dazu wiederum braucht es Institutionen.
Wie etwa das Leibniz Lab Pandemic Preparedness.