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Fachtagung in Berlin

Krisenfest geht nur gemeinsam

Im Mittelpunkt stand die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Bildungspraxis und SchülerInnen.

Wie bereiten wir junge Menschen auf künftige Pandemien vor? Indem wir mit ihnen zusammenarbeiten. Bei der Fachtagung „One Health Curricula“ des Leibniz Lab Pandemic Preparedness wurde deutlich: Wissenschaft braucht die Erfahrungen derjenigen, für deren Alltag sie Lösungen entwickelt.

Die Attacken sind vielfältig: Zombies, Seuchen, Ärger mit Lehrern und Hormonen, Probleme mit Literatur und Mathe, mit Terroristen und Lehrplänen, mit Aliens und dem anderen Geschlecht. Seit Jahrzehnten gibt es unzählige Filme, Songs, Bücher, in denen Schule als Ort maximaler Hilflosigkeit charakterisiert wird. Einerseits. ⬇️

Andererseits besinnen sich genau die gleichen popkulturellen Geschichten irgendwann in der Mitte der Handlung immer darauf, dass Schülerinnen und Schüler das tun, was sie am besten können: sich selbst helfen. Ihre Erfahrungen einbringen. Manchmal werden sie dabei angeleitet durch Lehrer, manchmal durch Wissenschaftler und manchmal auch durch den Hausmeister. Die Jugendlichen setzen sich gegen Widerstände durch, lernen Kontext und Vertrauen in sich selbst und weil Popkultur niemals vom Himmel fällt, ist der Unterschied zwischen Karate Kid, Stranger Things und dem deutschen Schulalltag an dieser Stelle nicht mehr besonders trennscharf: Man wächst mit der Herausforderung. Das gilt besonders dann, wenn man ihr nicht allein gegenübersteht. Und so versuchte unsere Fachtagung „One Health Curricula – Pandemieresilienz durch naturwissenschaftliche Bildung“ in der ersten Oktoberwoche in Berlin ihren Beitrag dazu zu leisten.

SchülerInnen der Ida Ehre Schule in Hamburg berichteten von ihren Erfahrungen.

In der Geschäftsstelle der Leibniz-Gemeinschaft brachten wir Schülerinnen und Schüler der Ida Ehre Schule in Hamburg mit Wissenschaftlern zusammen wie Prof. Dr. Stephan Lewandowky, Kognitionspsychologe der Universität Bristol, oder Dr. Finn Matthiesen, der am IPN in Kiel, dem Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik, zur Didaktik der Biologie forscht. Dazu kamen Schulpraktiker wie Timo Off, der Schuleiter der Humboldt-Schule in Kiel, Anja Junker vom Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein und Politiker wie Michael Hose, MdB der CDU, der die Enquete-Kommission „Aufarbeitung der Corona-Pandemie und Lehre für zukünftige pandemische Ereignisse“ leitet. Das Ziel: Miteinander reden.

Das Ziel: Miteinander reden

Zur Eröffnung vor rund fünfzig Teilnehmern hatten Prof. Dr. Gülşah Gabriel und Prof. Dr. Ute Harms die Bedeutung dieses Austauschs betont – und genau der wurde dann auch zum emotionalen Höhepunkt des Tages. Denn es ist das eine über pandemieresiliente Schulen zu sprechen. Mit Schülerinnen und Schülern aber darüber zu diskutieren, was das für ihren Alltag bedeutet, ist was ganz anderes

Die Jugendlichen aus der Jahrgangsstufe 13 der Ida Ehre Schule, neben der Humboldt-Schule in Kiel unsere Pilotschule, brachten unterschiedliche Erfahrungen mit: Während einige während der Coronapandemie zu Hause gut lernen konnten, berichteten andere von erheblichen Belastungen und schwindender Motivation. Ihre Beiträge machten deutlich, wie wichtig verlässliche Strukturen sind – und wie groß der Wunsch ist, gehört und beteiligt zu werden.

Schulen, das vergisst man oft, sind weit mehr als Vermittlungsorte für Wissen. Sie können letztlich dazu beitragen, eine Gesellschaft krisenfester zu machen. Da sieht man etwa hier, hier oder auch hier. 

Dabei hilft allerdings nur mittel, dass jeder eine Meinung zur Schule hat – weil jeder irgendwann mal in der Schule war. Schulpolitik entscheidet Wahlen, sollte für Chancengleichheit sorgen und für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Jede Veränderung am Gewohnten triggert eine Ur-Angst: Wenn nicht mal mehr der sicherste Raum für unsere Kinder geschützt ist, was bleibt dann noch von der gesellschaftlichen Ordnung? Und weiter: Was hilft jungen Menschen tatsächlich? Welche Unterstützung erreicht sie? Und welche Voraussetzungen braucht es, damit Lernen auch in einer Krise möglich bleibt?

Auch zwischen den einzelnen Beiträgen war die Meinung der Schüler sehr gefragt.

Die Schülerinnen und Schüler waren nicht gekommen, um fertige Antworten entgegenzunehmen. Sie brachten Fragen und Wissen über ihren Alltag mit, ohne die gute Antworten unvollständig bleiben. Ihre Perspektiven flossen anschließend in das Ko-Creation Café ein. Gemeinsam wurden dort Vorschlägen für Pandemie- und Krisenresiliente Bildung erstellt – die wiederum in ein White Paper einfließen, das sich an Politik und Entscheider richtet. 

Augenhöhe ist Vorraussetzung, nicht Zugabe

Die Zusammenarbeit mit Schülerinnen und Schülern, die wir im Leibniz Lab organisieren, ist daher mehr als ein Beteiligungsformat. Sie hilft der Forschung zu erkennen, wo ihre Annahmen den Alltag treffen – und wo nicht. Bildungsforschung kann untersuchen, wie Lernen gelingt. Lehrkräfte wissen, welche Möglichkeiten und Grenzen Unterricht unter konkreten Bedingungen hat. Aber nur junge Menschen können Auskunft darüber geben, was sie beschäftigt und welche Zugänge ihnen helfen.

Gerade bei der Pandemievorsorge ist Wissenschaft deshalb auf die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung angewiesen. Schulen dienen dabei als Mikrokosmos der Gesellschaft, als moralischer Kompass und als ultimativer Gradmesser für die Dramatik der Situation – das ist in Filmen nicht anders als im Leben. Vermutlich war in der ganzen Corona-Pandemie nichts umstrittener als die Schulschließungen.

Der Bundestagsabgeordnete Michael Hose sprach das Grußwort.

Einen wichtigen politischen Akzent setzte denn auch der Abgeordnete Michael Hose. In seinem Grußwort stellte er wissenschaftlich gewonnene Daten und Erkenntnisse als Grundlage politischer und gesellschaftlicher Entscheidungen heraus – um zugleich auf die Rolle der Schule als strukturgebende Institution in Krisen hinzuweisen.

Daran knüpften die schulpraktischen Beiträge an. Nicole Boutez, Schulleiterin der Ida Ehre Schule, und Timo Off, Schulleiter der Humboldt-Schule in Kiel, beschrieben Schule als Lebens-, Lern- und Beziehungsort. Gesunde Routinen und klare Zuständigkeiten können Orientierung geben und Unterstützung sichern. Anja Junker vom IQSH und Lars Janning vom LI Hamburg zeigten, wie One Health bestehende Inhalte über Fächergrenzen hinweg verbinden kann.

One Health: Zusammenhänge statt isolierter Fakten

Der One-Health-Ansatz betrachtet die Gesundheit von Menschen, Tieren und Umwelt als miteinander verbunden. Für Schulen eröffnet er die Möglichkeit, Gesundheitsfragen nicht auf einzelne Krankheitserreger oder individuelle Verhaltensregeln zu reduzieren. Im Mittelpunkt stehen Zusammenhänge – und die Fähigkeit, sie zu verstehen.

Etwa wenn es um den Einsatz von Antibiotika und die Entstehung von Resistenzen bei Menschen und Tieren geht. Diese Problematik verbinden biologische Grundlagen mit Umweltbedingungen und gesellschaftlichen Entscheidungen, in einem Wort: Komplexität. Nichts anders ist es, auf das Schule vorbereiten muss.

Ute Harms und Dr. Finn Matthiesen vom IPN stellten auf der Tagung entsprechende Impulse vor. Dazu gehörten etwa Kompetenzorientierung und Gesundheits- und Medienbildung als Querschnittsaufgaben – aber eben auch der Umgang mit Informationen.

Fehlinformationen erkennen, bevor sie Schaden anrichten

Während einer Pandemie müssen Menschen Entscheidungen treffen, obwohl noch nicht alle Fragen beantwortet sind – das gilt allerdings für jede Krise. Es gibt widersprüchliche Nachrichten, persönliche Erfahrungen, irreführende Behauptungen. Verlässliche Orientierung wird dann selbst zu einer Frage des Gesundheitsschutzes. Eine Krisenvorsoge, ohne über den Umgang mit Fehlinformationen zu sprechen, ist nicht möglich.

Prof. Dr. Stephan Lewandowsky von der University of Bristol und der Universität Potsdam stellte forschungsbasierte Ansätze vor, mit denen Menschen irreführende Argumentationsmuster frühzeitig erkennen können. Ebenso ging es um konstruktive Dialoge im Umgang mit Falschinformationen. Ziel ist es, gesundheitliche Schäden durch irreführende Informationen zu verhindern.

Im Schulalltag lässt sich das an konkreten Fragen üben: Wer verbreitet eine Behauptung? Welche Belege werden angeführt? Stimmen Überschrift und Inhalt überein? Wird aus einer einzelnen Erfahrung eine allgemeine Aussage abgeleitet? Und lässt sich die ursprüngliche Quelle finden?

Denkbar ist etwa, dass eine Klasse unterschiedliche Beiträge zu einer Gesundheitsfrage vergleicht und ihre Begründungen untersucht. Dabei sollte es nicht nur darum gehen, falsche Aussagen zu markieren. Ebenso wichtig ist zu verstehen, warum wissenschaftliche Erkenntnisse vorläufig sein können und eine veränderte Empfehlung nicht automatisch ein Zeichen von Beliebigkeit ist.

Solche Lernprozesse brauchen Wiederholung und einen geschützten Raum für Irrtümer. Am sinnvollsten beginnen sie vor der nächsten Krise. An der Humboldt-Schule wurde dieser Ansatz bereits praktisch aufgegriffen: Zum Aktionstag Bevölkerungsschutz arbeiteten Schülerinnen und Schüler des elften Jahrgangs in Workshops zum Umgang mit Desinformationen in Krisensituationen.

Gesellschaftliche Resilienz bedeutet deshalb nicht nur, dass Einzelne möglichst viel aushalten. Sie braucht Einrichtungen, die auch unter Belastung zentrale Aufgaben erfüllen können. Ohne ein besonderes Engagement der Schulen ist das schwer vorstellbar: Hier werden Wissen und Kompetenzen aufgebaut, Beziehungen gepflegt und verlässliche Tagesstrukturen geschaffen.

Kern der Veranstaltung war das gemeinsame Erarbeiten von Vorschlägen für das Curriculum: Interaktion stand im Mittelpunkt.

Dieses Engagement darf allerdings nicht heißen, Schulen zusätzliche Verantwortung ohne Unterstützung zu übertragen. Krisenfeste Bildung braucht Ressourcen, qualifizierte Lehrkräfte und tragfähige Strukturen. Im Leibniz Lab arbeiten wir deshalb nicht allein an Unterrichtsinhalten, sondern auch an Konzepten zur Aufrechterhaltung des Bildungsbetriebs sowie an psychosozialen Unterstützungsangeboten für Lehrende und Lernende.

Denn in der Realität zeigt sich, dass Schulen sozial extrem resiliente Anker sind. Lehrkräfte agieren dort oft als First Responder, die erste Ängste von Schülern gut abfangen. Aus der Popkultur grüßen Dangerous Minds, Good Will Hunting, Der Club der toten Dichter, die Liste ist lang.

Man muss nicht jede Krise vorwegnehmen, das wird vermutlich ohnehin nicht klappen, dazu sind sie zu unterschiedlich. Vielmehr geht es darum, Kompetenzen und Beziehungen aufzubauen, die auch unter veränderten Bedingungen tragen: Informationen einordnen, Unsicherheit benennen, Hilfe organisieren und gemeinsam Entscheidungen abwägen.

Aus Zusammenarbeit wird Bildungspraxis

Die Kooperation mit unseren Pilotschulen zeigt, wie dieser Anspruch konkret werden kann. Inhalte und Formate werden mit Schülerinnen und Schülern erprobt und anhand ihrer Fragen und Rückmeldungen weiterentwickelt. Dabei sollen sie an bestehende Lehrpläne anschließen und langfristig in Bildungsprozesse integriert werden.

Die monatelange Zusammenarbeit mit Nicole Boutez und Timo Off hat dafür wichtige Voraussetzungen geschaffen. Beide eröffnen neue Wege. Sie geben Veränderung Rückhalt und schaffen Raum für den Austausch zwischen Forschung und Schulalltag.

Die Auszeichnung mit dem „One Health, One Future“-Award, mit dem wir die Ida Ehre Schule und die Humboldt-Schule für ihr Engagement ausgezeichnet haben, ist so mehr als verdient. Wir freuen uns auf die nächsten Schritte.

Stellvertretend für ihre Schulen bekamen Nicole Boutez (2te von rechts) und Timo Off den "One Health, one future"- Award von Ute Harms (links) und Gülsah Gabriel (rechts) überreicht.

Philipp Kohlhöfer
Philipp Kohlhöfer
Philipp Kohlhöfer leitet die Kommunikation des Leibniz Labs und ist Autor des Bestsellers „Pandemien“.
Veröffentlicht
04. November 2026
Kategorie
Stories
Social

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