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Im Interview

Als sich die Türen schlossen

Prof. Dr. Olaf Köller im Interview zu Maßnahmen für ein pandemieresilientes Bildungssystem

Prof. Dr. Olaf Köller und sein Team möchten auch unter herausfordernden Bedingungen nachhaltige Lernprozesse ermöglichen.

© Gesine Born

Schulschließungen, Distanzunterricht und Leistungseinbußen haben deutlich gemacht, wie anfällig Bildungssysteme in Pandemiezeiten sind. Die Bildungsforschung reagiert darauf nicht nur rückblickend, sondern arbeitet aktiv daran, Schulen und Lernen krisenfester zu machen. Wie ein pandemieresilientes Bildungssystem aussehen kann und welche Ansätze aktuell verfolgt werden, erzählt Bildungsforscher Prof. Dr. Olaf Köller vom IPN - Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik.

Prof. Dr. Olaf Köller, die Corona-Pandemie bedurfte harter Maßnahmen. Davon waren Bildungseinrichtungen nicht ausgeschlossen. Es kam überall zu Schließungen. Welche Probleme waren damit verbunden?

Mittlerweile haben wir sehr viel – und auch gut belastbare – Forschung dazu, welche negativen Effekte die Schul- und Kindergartenschließungen hatten. Während dieser Zeit wurden Schülerinnen und Schüler ganz schlecht erreicht, sie haben ihre Lernzeit pro Tag halbiert, sie haben überhaupt keine Rückmeldung von Lehrkräften erhalten, und sie haben keine Arbeitsaufträge erhalten, bei denen sie gemeinsam mit Mitschülerinnen und Mitschülern etwas bearbeiten sollten. Wir haben später große Lerndefizite bei den Schülerinnen und Schülern festgestellt. Die großen Analysen zeigen weltweit Leistungseinbußen durch die Schulschließungen. Bei den älteren Schülerinnen und Schülern haben wir ungefähr ein Drittel eines Schuljahres verloren – bei den Kleinen ein bisschen weniger. Und außerdem ist das Belastungserleben bei allen Beteiligten – Schülerinnen und Schülern sowie Kolleginnen und Kollegen in den Schulen – massiv hochgegangen. Also wir haben bei der ersten Schulschließung einen Anstieg von 20 % auf 40 % bei den Kindern und Jugendlichen erlebt, die sich extrem belastet gefühlt haben.

COPSY-Längsschnittstudie

Weitere Informationen über die Auswirkungen und Folgen der COVID-19-Pandemie auf die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen in Deutschland finden Sie hier.

Welche Lehren ziehen Sie daraus?

Also, ich glaube, wir brauchen auf jeden Fall eine Infrastruktur, sodass wir in Distanz unterrichten können und nicht wie beim letzten Mal dann für viele Kinder und Jugendliche auch der Unterricht ausfällt. Das Leibniz Lab muss erforschen: Wie muss ein guter Distanzunterricht aussehen? Wie müssen zum Beispiel digitale Medien im Unterricht gewinnbringend eingesetzt werden? Wie können wir in Distanz Schülerinnen und Schüler dazu bringen, bereit zu sein zu lernen? Wie können sie digital in kollaborativen Settings lernen, sodass sie sich digital dann auch mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern austauschen können? Und ich glaube – da müssen wir auch sensibler sein –, dass wir das mitdenken: Wenn die Kinder möglicherweise wieder im Lockdown sind, wenn die Jugendlichen unter Kontaktarmut leiden, wenn sie ihre Peers nicht treffen können. Dass wir das auch mit adressieren, dass wir auch Schulen dafür sensibilisieren, dass sie dann eben auch solche Zeiten nutzen, um eine gewisse Unterstützung zu geben. Sie müssen nicht gleich große Prävention leisten, aber zumindest, dass sie im Auge haben, dass ihre Schülerinnen und Schüler belastet sind, wie auch die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen. Das ist jetzt auch Gegenstand meiner Arbeit im Leibniz Lab Pandemic Preparedness, in der es auch darum geht, das Belastungserleben auf Seiten der Schülerinnen und Schüler sowie der Lehrkräfte zu reduzieren, sodass wir beim nächsten Mal darauf mehr Rücksicht nehmen.

Und wie steht es jetzt mit den Schüler*innen in Deutschland?

Wir haben glücklicherweise auch sehr gute Studien, die zeigen, dass sich das System und die jungen Menschen erholen. Also das ist ja auch das, was wir aus der Resilienzforschung erkennen: dass ein großer Teil der Kinder und Jugendlichen, die ein hohes Belastungserleben in solchen Krisen haben, hinterher mit etwas Unterstützung auch wieder adaptieren, kompensieren und auch wieder völlig symptomfrei sind. Es geht ihnen auch wieder gut, und das sehen wir eben auch.

Zwar wünschen wir es uns nicht, aber eine neue Pandemie in Zukunft ist nicht ganz unwahrscheinlich. Werden Schulschließungen in Zukunft immer die Antwort auf eine kommende Pandemie sein?

Wenn ein gefährliches Virus kommt, muss man trotz aller Kritik an den Schulschließungen – gerade wenn man das Virus auch nicht gut kennt – auch wieder zu solchen drakonischen Maßnahmen greifen. Daher brauchen wir Forschung und das Leibniz Lab Pandemic Preparedness, weil wir natürlich überlegen müssen, wie – wenn Schulen wieder öffnen das Virus aber nicht weg ist – wie können wir im Grunde genommen den Transport zur Schule sicher gestalten, dass die Schülerinnen Schüler sich nicht im Bus anstecken? Wie können wir vor Ort auch dann wieder das Präsenzlernen organisieren, dass große Infektionswellen ausbleiben? Wie müssen wir Klassenräume ausstatten, um das Infektionsrisiko zu minimieren? Wie kann man möglicherweise – wenn es wieder über Tröpfcheninfektion geht – dort präventiv wirksam werden, dass eben Aerosole sich nicht so ausbreiten in der Klasse, wie das in der Vergangenheit der Fall gewesen ist.


Diese Folge des NDR Podcast 5 Jahre Corona – Was haben wir gelernt? diskutiert den Einfluss der Schulschließungen auf das Infektionsgeschehen. 


Die Reaktion auf die letzte Pandemie hat gezeigt, dass es der Gesellschaft an Informationen fehlt. Muss sich Unterricht dahingehend ebenfalls ändern?

Das hat die letzte Pandemie mit Sicherheit auch gezeigt. Auch die Diskussion über die Impfrisiken zeigt, dass wir sehr viel Unwissenheit in der Bevölkerung haben, und dies hat natürlich auch etwas mit der unzureichenden Behandlung solcher Themen in Schulen zu tun. Also hier Schülerinnen und Schüler besser aufzuklären, im Grunde genommen auch darüber, was adäquates Verhalten in solchen Krisen ist. Also dass wir im Grunde genommen Bildungsprozesse anbahnen, was Pandemien eigentlich bedeuten. Wie funktioniert eine Pandemie? Wie sind Infektionswege? Wie wirken Viren? Welche Rolle spielen Impfungen in diesem Zusammenhang? Wie kann man sich besser schützen? Also wenn wir in die Schulen gehen, geht es sehr stark auch darum, den Unterricht zu nutzen, um junge Leute besser vorzubereiten. Dass die Schülerinnen und Schüler auch das Immunsystem und Krankheiten besser verstehen, was es für sie bedeutet, aber auch, was es dann für sie bedeutet, möglicherweise Prävention zu betreiben, damit sie sich nicht infizieren.

Und wie kommt die Bildungsforschung hier ins Spiel?

Wir wollen schauen, inwieweit Interventionsansätze in Schulen überhaupt auf Seiten der Schülerinnen und Schüler die Wirkung erzielen, die wir prognostizieren. Wir haben jetzt zwar theoretisch gut abgeleitet, wie man im Grunde genommen Angebote in Schulen gestalten muss, damit die Schülerinnen und Schüler mehr über Pandemien lernen. Ob diese Angebote funktionieren, weiß aber kein Mensch. Das heißt, wir evaluieren im Grunde genommen die entwickelten Maßnahmen, indem wir schauen, ob wir damit tatsächlich die Schülerinnen und Schüler so erreichen, wie wir uns das vorgenommen haben. Also im Grunde genommen ist das eine Überprüfung des Lernerfolgs.

Zuvor haben Sie einen verbesserten Distanzunterricht erwähnt. Wird hierzu ebenfalls Forschung betrieben?

Ja. Direkt nach den Lockdowns haben wir Schülerbefragungen gemacht: wie es ihnen gegangen ist – vor allem auch im Distanzunterricht. Wie sie das erlebt haben. Was sie gut fanden. Was sie nicht gut fanden. Wie sie sich das für die Zukunft wünschen. Das heißt, wir haben eine ganze Menge empirischer Befunde gesammelt. Und wenn wir die Schülerinnen und Schüler fragen, wie sie in der Pandemie oder – ich sage mal – in der Distanz am besten lernen können, wenn wir wissen, wie wir sie am besten in der Distanz unterstützen können, dann sorgen wir auch dafür, dass sie beim Distanzlernen beim nächsten Mal mehr lernen, als sie beim letzten Mal gelernt haben.

Wie geht es weiter im Leibniz Lab Pandemic Preparedness bezüglich der Zukunft von Bildungssystemen?

Wir bleiben mit den Schulen im Gespräch. Das ist deswegen ganz wichtig, weil wir natürlich auf Seiten der Schülerinnen und Schüler nachhaltige Lernprozesse oder Bildungsprozesse initiieren wollen. Und Bildung ist nun mal das Gut unserer Gesellschaft. Bildung ist persönlicher Wohlstand. Bildung ist aber auch die Sicherung des wirtschaftlichen Wohlstands. Das heißt, wir müssen im Grunde genommen als Bildungsforscherinnen und Bildungsforscher ein großes Interesse an resilienten Bildungssystemen haben, in denen die Schülerinnen und Schüler möglichst viel lernen, um eben auch auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gut vorbereitet zu werden.

Axel Langner

Axel Langner ist Kommunikator am Leibniz Lab und hat einen Hintergrund in den Life Sciences und der Bildungsforschung.

Philipp Kohlhöfer

Philipp Kohlhöfer leitet die Kommunikation des Leibniz Labs und ist Autor des Bestsellers „Pandemien“

Veröffentlicht
26. März 2026
Kategorie
Stories
Social

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