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Jubiläum von "Wealth of Nations"

Wie schützen wir in Krisen unseren Wohlstand, ohne Freiheit zu opfern?

Seit 2008 steht Adam Smith vor der Royal Mile, am Eingang der Altstadt von Edinburgh.

© K.Mitch Hodge/ Unsplash

Vor 250 Jahren, im März 1776, erschien das vielleicht grundlegendste Werk der Wirtschaftswissenschaften: „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“, auf Deutsch oft zu „Der Wohlstand der Nationen“ verkürzt. Sein Autor: der Moralphilosoph Adam Smith. Man könnte das als historisches Buch abtun, wäre es heute, wo eine Krise auf die andere folgt, nicht wieder höchst relevant. Auch für das Leibniz Lab.

Pandemie, der russische Überfall auf die Ukraine und immer wieder Konflikte und Kriege im Nahen Osten wie jetzt im Iran: Wir steuern auf die dritte globale Wirtschaftskrise innerhalb von nur zwanzig Jahren zu. Gerade in diesen Zeiten kann eine Rückbesinnung auf Kernfragen helfen, die Adam Smith in seinem Opus Magnum thematisiert:

Wieviel Markt ist möglich, wieviel Staat ist nötig? Wann soll die Politik in Märkte regulierend oder koordinierend eingreifen? Wieviel ist uns Sicherheit wert? Und wie verbinden wir wirtschaftlichen Wohlstand mit politischer Stabilität?

Dr. Michael Stolpe ist Co-Sprecher des „Leibniz Lab Pandemic Preparedness“. Er leitet den Forschungsschwerpunkt „Pandemiemanagement“ des Labs sowie am Kiel Institut für Weltwirtschaft den Projektbereich Globale Gesundheitsökonomie. Er sagt, eine Rückbesinnung auf Adam Smith könne helfen, wenn das Verhältnis zwischen Staat und Markt neu austariert werden muss - wie es etwa in einer Krise der Fall ist.

Adam Smith, sagt Stolpe, habe schon die Freiheit des Einzelnen stark priorisiert – darauf vertrauend, dass die durch Marktpreise gesetzten Anreize individuelles Verhalten in sozial wünschenswerte Bahnen lenken. „Aber es gibt bestimmte Herausforderungen im gesellschaftlichen Zusammenleben, wo das nicht ausreicht.“ Etwa in einer Pandemie, wo es darum gehe, möglichst viele Menschenleben zu retten.

In manchen Bereichen müsse der Staat eingreifen, weil der Nutzen für den einzelnen Bürger nicht so hoch ist, wie für die Gemeinschaft insgesamt, sagt Dr. Michael Stolpe vom Kiel Institut für Weltwirtschaft.  

Die wichtigste Aufgabe des Staates sei es, für Sicherheit zu sorgen, schrieb Adam Smith. Der Staat müsse für äußere Sicherheit, und im Inneren für Rechtsschutz, Bildung und Infrastruktur sorgen – woraus in Krisen Vertrauen und Stabilität entstehe.

Den Schutz von Menschenleben ist eine Investition, sagt Michael Stolpe. 

In „Der Wohlstand der Nationen“ spricht sich Smith nicht nur gegen den damals vorherrschenden Merkantilismus europäischer Großmächte aus - eine staatlich gelenkte Wirtschaft, die eine positive Handelsbilanz zur Priorität erklärte, Exporte förderte und Importe beschränkte. Ziel war, den Zufluss von Edelmetallen wie Gold und Silber in die Kassen des Staates zu maximieren, um damit Hofstaat und Militär zu finanzieren.

Die falsche Idee dahinter: Gewinne aus dem Außenhandel entstehen dadurch, dass der Reichtum anderer Länder in Reichtum für das eigene Land transformiert wird, was den anderen Ländern Verluste zufügt und sie schwächt. Ein Nullsummendenken, das heute wieder en Vogue ist und zu Konflikten führt. In einer Pandemie aber sitzen wir alle gemeinsam in einem Boot und brauchen weltweite Kooperation zum Überleben.

Smith formuliert deutlich, dass „Verteidigung weit wichtiger ist als Reichtum“, Sicherheit hat also Vorrang vor rein ökonomischen Zielen. Der Gedanke kehrt nicht nur in der aktuellen Debatte über Aufrüstung und Abschreckung wieder, sondern kann auch nach innen gedacht werden.

Aber hat Smith durch die Verbindung von Marktlogik und staatlichen Eingriffen bei Krisen die Grundlage dafür gelegt, um den Staat resilienter zu machen, etwa in einer Pandemie?

Der Pandemievertrag ist ein gutes Beispiel für Arbeitsteilung und Produktivität und sorgt so für eine erhöhte Resilienz der verschiedenen Gesellschaften. 

So vorteilhaft Arbeitsteilung und Spezialisierung auch sein mögen, Adam Smith erkannte auch, dass sich ständig wiederholende Tätigkeiten „stumpfsinnig und einfältig“ machen können – und anfällig für autoritäre Führer. Wir kennen das das heute als rechten Populismus.

Adam Smith vertrat die Ansicht, dass der Staat durch allgemein zugängliche Bildungsprogramme Abhilfe schaffen müsse gegen die Stumpfsinnigkeit.

In Zeiten von Pandemien formuliert: Auch wenn kurzfristig einschneidende Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen nötig sein können, um Menschenleben zu retten, muss der Staat dafür sorgen, dass Ausbildungs- und Fortbildungsprogramme zugänglich bleiben, zum Beispiel durch digitale Formate. Dann können die Menschen später wieder produktiv tätig sein und die Wirtschaft wachsen lassen. Was kurzfristig die Freiheit des Einzelnen einzuschränken scheint, kann langfristig neue Chancen und mehr Freiheit für Alle ermöglichen. Ein Widerspruch ist das nicht, sagt Michael Stolpe, denn die größte Unfreiheit entstünde durch den vermeidbaren Tod. 

Ein Widerspruch zwischen kurzfristigen Einschränkungen der persönlichen Freiheit und langfristigem Freiheitsgewinn gebe es nicht, sagt Stolpe. 

Denn auch, wenn Adam Smith heute vor allem als Erfinder des Wirtschaftsliberalismus und der klassischen Nationalökonomie wahrgenommen wird: Er war in erster Linie Moralphilosoph. Die Ökonomie als Fach gab es zu seiner Zeit nicht.

"Dadurch, dass er die Ökonomie aus der Philosophie heraus entwickelt hat, schuf er schon damals einen interdisziplinären Ansatz, der bis heute wegweisend ist“, sagt Michael Stolpe. „Das interdisziplinäre Denken ist etwas, das auch unser Lab auszeichnet.“ So ist auch „Der Wohlstand der Nationen“  ohne Adam Smiths vorheriges Hauptwerk, „Die Theorie der ethischen Gefühle“, The Theory of Moral Sentiments, von 1759, gar nicht denkbar.

Wohlstand beruht auf Zusammenarbeit und verlässlichen Institutionen. Die kluge Verbindung effizienter Märkte mit einer stabilen staatlichen Ordnung und moralischer Verantwortung schafft Resilienz – gerade in großen Krisen wie einer Pandemie.

Soziale Ungleichheit verstärkt die Krankheitslast. Das gilt auch außerhalb einer Pandemie.  

Und so verschränkten sich politische und ökonomische Ideen und lassen Adam Smith auch 250 Jahren nach dem Erscheinen von „Der Wohlstand der Nationen“ höchst aktuell bleiben - nicht nur, weil Spezialisierung dabei helfen kann, Ressourcen in Notfällen schnell und effizient zu mobilisieren.

Adam Smith hat erkannt, dass  Märkte rechtliche Leitplanken, funktionierende Institutionen und moralische Normen brauchen. Gerade die Pandemie hat deutlich gemacht, wie wichtig es ist, dass Gesellschaften sich auf Krisen gut vorbereiten, anpassen und, -falls sie sich einmal nicht vermeiden lassen-, effizient darauf reagieren und offen sind, für weltweite Kooperation und Solidarität. Das gilt auch in einer Zeit, in der Autoritarismus und Protektionismus auf dem Vormarsch sind.

Philipp Kohlhöfer
Philipp Kohlhöfer
Philipp Kohlhöfer leitet die Kommunikation des Leibniz Labs und ist Autor des Bestsellers „Pandemien“.
Veröffentlicht
04. April 2026
Kategorie
Stories
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